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Mann mit Hornbrille und Hosenträgern arbeitet am Laptop in einem Loft mit Backsteinwand und Bauplänen

Klartext · Agenturen

Keine Antwort ist
auch eine Arbeitsprobe.

Vier von fünf Agenturen sagen, das Neugeschäft entscheide über ihr Jahr. Dann kommt eine Anfrage herein, und niemand geht ran. Über eine Branche, die vom Reden lebt und sich nicht zurückmeldet.

Zwei Anfragen, keine Antwort

Vor ein paar Wochen habe ich zwei Agenturen in meiner Stadt angeschrieben. Kein Massenanschreiben, keine Vorlage: zwei Mails mit Namen, mit Anlass, mit einer konkreten Frage nach Zusammenarbeit. Beide haben nicht geantwortet. Nicht abgesagt, nicht vertröstet, nicht zurückgefragt. Nichts.

Das ist keine große Sache und ich bin auch nicht beleidigt. Interessant wird es erst, wenn man die Rechnung dahinter aufmacht. Ich habe für diese beiden Mails vielleicht zwanzig Minuten gebraucht. Eine Antwort in drei Sätzen hätte zwei Minuten gekostet. Zwei Minuten, um herauszufinden, ob am anderen Ende etwas zu holen ist — die wurden nicht investiert.

Wer schon einmal drei Angebote einholen wollte, kennt das — und wer selbst bei fremden Betrieben anruft, kennt die andere Seite davon. Man schreibt vier an, zwei melden sich, eine davon nach zehn Tagen. Und man nimmt am Ende nicht die beste Agentur, sondern die erreichbarste.

Die Branche weiß das

Das Verwirrende daran ist, dass es kein Geheimnis ist. Die Agenturbranche in Deutschland schrumpft seit zwei Jahren, die Umsätze gehen im Schnitt zurück, und was so ein Haus im Monat kostet, ändert sich dabei nicht, und rund die Hälfte der Häuser meldet ein Minus. In den Branchenbefragungen steht dazu ein zweiter Satz: Vier von fünf Agenturen nennen die Gewinnung neuer Kunden als wichtigsten Faktor für ihr Jahr, und mehr als die Hälfte gibt dafür mehr Geld aus als im Vorjahr.

Mehr Geld für Neugeschäft, während die Anfrage unbeantwortet im Postfach liegt. Das ist der ganze Widerspruch, und er kostet nichts außer Aufmerksamkeit.

Was in den fünf Tagen danach wirklich passiert, läuft auf zwei Spuren gleichzeitig ab — einer in der Agentur und einer beim Anfragenden. Nur sieht keine der beiden Seiten die andere.

Fünf Werktage

Zwei Spuren, eine Anfrage

  1. Minute 0

    In der AgenturDie Mail landet im Sammelpostfach. Zuständig ist dafür niemand namentlich.

    Beim AnfragendenDrei Agenturen angeschrieben, Unterlagen weggelegt. Die Sache ist gedanklich vom Tisch.

  2. Stunde 2

    In der AgenturDie Geschäftsführung sieht die Mail zwischen zwei Terminen und nimmt sich vor, sie abends zu lesen.

    Beim AnfragendenDie erste Antwort kommt. Zwei Sätze von der zweiten Agentur, mit einer Rückfrage. Der Name ist jetzt gesetzt.

  3. Tag 1

    In der AgenturDie Mail steht inzwischen an sechster Stelle von oben und fällt beim Scrollen nicht mehr auf.

    Beim AnfragendenTelefonat mit Agentur zwei. Zwanzig Minuten, und sie stellt Fragen, an die er selbst nicht gedacht hat.

  4. Tag 2

    In der AgenturJemand liest sie und legt sie zurück. Ohne Budgetrahmen lässt sich schlecht antworten, und nachfragen kostet auch Zeit.

    Beim AnfragendenAgentur drei sagt ab, mit Begründung und einer Empfehlung. Er merkt sich den Namen für nächstes Jahr.

  5. Tag 3

    In der AgenturNichts.

    Beim AnfragendenEntscheidung gefallen. Es gab nur eine Agentur, mit der er gesprochen hat.

  6. Tag 5

    In der AgenturDie Antwort geht raus. Freundlich, ausführlich, mit Terminvorschlag und drei Referenzen.

    Beim AnfragendenDer Auftrag ist vergeben. Die Mail wird überflogen und archiviert.

Die Antwort an Tag fünf ist die beste der drei. Sie kommt nur zu spät, und das weiß die Agentur nie, weil ihr niemand sagt, dass sie verloren hat.

Sie unterschätzen, wie oft das passiert

Zum Antwortverhalten von Unternehmen gibt es Untersuchungen, und sie kommen seit Jahren auf erstaunlich ähnliche Zahlen. Dabei werden keine Meinungen abgefragt, sondern echte Anfragen über die Kontaktformulare verschickt und gemessen, was zurückkommt.

Bevor Sie weiterlesen, schätzen Sie einmal selbst. Die meisten liegen deutlich zu freundlich.

Drei Zahlen

Was schätzen Sie?

Bei einem groß angelegten Test wurden mehr als zweitausend Unternehmen über ihr Kontaktformular angefragt. Wie viele haben nie geantwortet?

8 %

23 %

Fast jedes vierte Unternehmen hat auf eine ernsthafte Anfrage nie reagiert. Nicht spät — gar nicht.

Und die übrigen? Wie viele Stunden vergingen im Schnitt, bis eine Antwort kam — gerechnet nur über die, die überhaupt geantwortet haben?

6 h

42 h

Knapp zwei Tage. Wer dagegen innerhalb der ersten Stunde zurückkommt, hat nach denselben Erhebungen die mehrfache Chance auf ein Gespräch.

Und weil Sie das aus dem eigenen Betrieb kennen: Bei einem deutschen Test gingen je hundert Anfragen an fünf Gewerke. Auf wie viel Prozent hat der Dachdecker geantwortet?

70 %

37 %

Schlusslicht von fünf Gewerken. Der Fensterbauer kam auf 76 Prozent, die Mitte lag bei gut der Hälfte.

Über den Dachdecker, der nicht zurückruft, hat sich jeder schon aufgeregt. Bei dem versteht man es wenigstens: Der hat Aufträge bis Ostern und braucht keine neuen.

Woran Sie es vorher erkennen

Schweigen ist der eine Fall. Der andere ist die Agentur, die antwortet und dabei von der ersten Minute an klarmacht, wer hier in den ersten zwanzig Minuten fast nur über sich selbst redet. Vier Anzeichen, alle im Erstgespräch zu sehen.

01

Sie zeigt Logos, statt zu fragen

Die ersten zwanzig Minuten gehören der Kundenliste, den Auszeichnungen und den Etatgrößen. Danach wissen Sie, für wen die Agentur sonst arbeitet, und sie weiß nichts über Sie. Beim nächsten Termin läuft dieselbe Vorstellung wieder von vorn.

02

Sie stellt keine Fragen

Nicht danach, wie lang Ihr Verkaufszyklus ist, wer bei Ihren Kunden entscheidet, was die letzte Kampagne gebracht hat. Ohne diese Antworten kann niemand etwas vorschlagen, was zu Ihnen passt — herauskommen wird, was ohnehin schon fertig in der Schublade lag.

03

Nichts ist auf Sie zugeschnitten

Die Präsentation hätte genauso einem Zahnarzt oder einem Modelabel gezeigt werden können. Wer Anbauverdichter verkauft, merkt binnen fünf Minuten, ob jemand weiß, was ein Kanalbauunternehmen von einem Tiefbauer unterscheidet — und wer eine Zielkundenliste gebaut hat, weiß auch warum der Unterschied zählt.

04

Sie urteilt, ohne die Zahlen zu kennen

Ihre bisherige Werbung sei altmodisch, der Messeauftritt zu klein, das Budget falsch verteilt. Alles möglich. Nur hat noch niemand gefragt, was diese Maßnahmen eingebracht haben. Ein Urteil ohne Zahlen ist ein Geschmacksurteil — messen kann man das.

Die einfachste Gegenprobe ist eine Frage: „Woher wissen Sie das?“ Wer arbeiten will, nennt Ihnen die Quelle oder räumt ein, dass es eine Vermutung war. Wer gereizt reagiert, hatte keine.

Warum das passiert, ohne dass jemand hochnäsig ist

Die naheliegende Erklärung ist Hochmut: Die haben es nicht nötig, die sitzen auf ihren Preisen, die suchen sich ihre Kunden aus. Manchmal stimmt das. Meistens nicht, und die tatsächliche Erklärung ist unangenehmer, weil sie so banal ist.

Fünf Vermutungen

Was Sie denken — und was los ist

  1. Die halten sich für zu gut für meinen Auftrag.

    Die Mail liegt in einem Postfach, das niemandem gehört.

  2. Mein Budget ist ihnen zu klein.

    Niemand dort weiß, wie groß es ist. Gefragt hat auch keiner.

  3. Die Branche ist ihnen zu langweilig.

    Gelesen hat die Anfrage bis jetzt niemand ganz.

  4. Sie haben es gelesen und verworfen.

    Eine gute Antwort bräuchte zwanzig Minuten. Die warten auf einen ruhigen Moment, der nicht kommt.

  5. Irgendjemand hat entschieden, mich zu ignorieren.

    Es hat überhaupt niemand entschieden.

Die letzte Zeile ist die wichtigste. Sie kommen sich behandelt vor, dabei hat Sie niemand behandelt — und deshalb hilft auch keine schriftliche Beschwerde. Am anderen Ende liest sie derselbe niemand.

Das ist dieselbe Lücke, die in vielen Betrieben beim eigenen Marketing klafft: Zuständig ist, wer gerade Zeit hat — und deshalb niemand.

Dazu kommt eine Verschiebung, über die in der Branche seit Jahren geredet wird. Eine große Agentur hatte vor drei Jahrzehnten eine Handvoll Kunden und ein paar hundert Projekte im Jahr, jedes davon mit einer eigenen Idee. Heute arbeitet dieselbe Zahl Kreativer dieselbe Zeit ab, produziert aber das Vielfache an Ausspielungen — und der weitaus größte Teil davon sind Anpassungen von etwas Bestehendem, keine neuen Gedanken. Überlastung sieht von außen aus wie Desinteresse, und die Betroffenen können das schlecht dazuschreiben.

Das entschuldigt nichts. Der Betriebsleiter, der drei Angebote einholt, hat auch keine Zeit, und er schreibt trotzdem zurück. Es erklärt nur, warum das Anschreien der Branche nichts bringt: Auf der anderen Seite sitzt selten jemand, der Sie nicht wollte. Meistens sitzt dort niemand.

Wo Auftraggeber auch nicht besser sind

Damit das nicht einseitig wird: In die andere Richtung geht es genauso zu. Bei Ausschreibungen um größere Etats gibt ein großer Teil der Auftraggeber hinterher zu, dass der Gewinner vorher schon festgestanden hat. Die anderen haben Wochen investiert, unbezahlt, und viele erfahren das Ergebnis gar nicht — die Absage bleibt aus, wie bei mir die Antwort.

Es gibt genug, wo sich beide Seiten das Leben schwer machen — zwölf Abkürzungen aus dem Agenturalltag stehen an anderer Stelle.

Wenn Sie also gerade drei Agenturen einladen und schon wissen, welche Sie nehmen: Sagen Sie den anderen beiden ab, bevor sie anfangen zu arbeiten. Das kostet Sie eine Mail und erspart zwei Betrieben je zwei Tage.

Zwei Männer beugen sich in einem hellen Raum über ausgebreitete Pläne

Die einzige Arbeitsprobe, die nichts kostet,
ist die Antwort auf die erste Mail.

Wie wir es halten

Damit das hier nicht bei der Beschwerde bleibt, die Zusage in der Form, in der wir sie auch an anderer Stelle geben: mit dem Nachteil dabei, den sie für uns hat.

Jede Anfrage bekommt am selben Werktag eine Antwort von einem Menschen, und wenn sie lautet, dass vor November nichts geht. Innerhalb einer Stunde wäre gelogen, ich sitze auch mal einen Tag beim Kunden. Aber am selben Tag geht immer, und was die Sache kostet, steht vorher da.

Der Nachteil daran: Wir sagen dadurch öfter ab, als uns lieb ist. Wer zwei Wochen schweigt, hält sich alles offen und schaut, wie sich der Terminplan entwickelt. Wer am selben Tag antwortet, muss sich festlegen, und manche Anfrage wäre mit vierzehn Tagen Bedenkzeit ein Auftrag geworden. Das nehmen wir in Kauf, weil die Alternative bedeutet, jemanden warten zu lassen, der sich entschieden hat, uns zu fragen.

Wann Schweigen in Ordnung ist

Es gibt Anfragen, auf die niemand antworten muss, und wer das anders sieht, hat noch nie ein Postfach mit hundert Mails am Tag gehabt.

Die Rundmail an zweihundert Agenturen, erkennbar am fehlenden Namen und am fehlenden Anlass. Die Anfrage ohne jede Vorstellung vom Umfang, bei der auch nach zwei Rückfragen keine kommt. Die Vertriebsmail, die sich als Anfrage tarnt. Der Wettbewerb, bei dem der Sieger feststeht und drei Betriebe die Kulisse liefern sollen. Das alles darf unbeantwortet bleiben.

Bei allem anderen gilt eine einfache Rechnung, und die ist der Grund für diesen ganzen Text: Jemand hat sich hingesetzt und Ihnen geschrieben. Das ist der teuerste Teil des Vorgangs, und er ist schon bezahlt — von der anderen Seite. Dieselbe Rechnung gilt für jede Anfrage, die im eigenen Vertrieb liegen bleibt.